Der amerikanische Zerstörer USS Frank E. Petersen Jr. feuert einen Tomahawk-Marschflugkörper ab. Am 28. Februar griffen die USA und Israel den Iran an. Bild: Keystone
Analyse
Im Irankrieg hat sich seit dem Beginn der Waffenruhe eine Pattsituation ergeben, in der sowohl die USA als auch der Iran Seeblockaden als wirtschaftliches Druckmittel einsetzen – mit Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft. Wie reagieren wichtige Staaten darauf und welche Interessen haben sie?
03.05.2026, 15:2903.05.2026, 15:29
Noch ist der Ausgang des Kriegs am Golf nicht absehbar. Derzeit herrscht eine fragile Waffenruhe, während der Iran die strategisch und wirtschaftlich wichtige Strasse von Hormus blockiert und die USA im Gegenzug die iranischen Häfen. Beide Seiten scheinen darauf zu hoffen, dass dem Gegner die Zeit davonläuft.
Die aus der Blockade resultierende Verknappung der Öllieferungen aus der Region betrifft besonders asiatische Staaten, die hohen Ölpreise ziehen indes die gesamte Weltwirtschaft in Mitleidenschaft. Doch nicht nur die wirtschaftlichen Schockwellen wirken sich auf zahlreiche, auch nicht direkt am Konflikt beteiligte Staaten und Akteure aus – die anstehende Neuordnung des Nahen Ostens, wie auch immer sie aussehen wird, betrifft sie ebenso. Wer dabei welche Interessen verfolgt, zeigt diese Übersicht.
USA
Die Regierung Trump machte widersprüchliche Angaben zu ihren Kriegszielen, doch bisher scheint zumindest die dauerhafte Zerstörung oder wenigstens langfristige Reduzierung des iranischen nuklearen Potenzials zu diesen Zielen zu gehören – jedoch nicht mehr der Regime-Change, also die Entmachtung des Mullah-Regimes. Präsident Donald Trump bezeichnete die Tötung mehrerer Schlüsselfiguren des Regimes zwar als Regime Change, doch die Revolutionsgarde dürfte ihre Kontrolle des Staatsapparates eher noch verstärkt haben. Der Sturz des Regimes, das seine eigene Bevölkerung terrorisiert, wäre höchstens ein willkommener Nebeneffekt. Für diesen Fall bestehen auch kaum Pläne, wie es dann im Iran weitergehen sollte.
Widersprüchliche Angaben zu den Kriegszielen: Der Krieg wird für Trump zur Belastung. Bild: keystone
Auch wenn das Regime den Krieg überleben sollte, dürften die amerikanischen Bestrebungen darauf abzielen, dass Teheran vorläufig nicht mehr in der Lage sein wird, in der Region eine aggressive Aussenpolitik zu verfolgen, wie dies zuvor etwa mit der Unterstützung der Terrormiliz Hisbollah im Libanon der Fall war. In einem weiteren strategischen Rahmen zielt die amerikanische Intervention darauf ab, die für die internationale Energieversorgung extrem wichtige Golfregion stärker in die amerikanische Sphäre einzubinden.
Israel
Die israelischen Interessen und Ziele decken sich nur zum Teil mit den amerikanischen. Für Israel, das selbst inoffizielle Atommacht ist, ist angesichts der Vernichtungsdrohungen des Mullah-Regimes jedes Ende des Krieges, das dem Iran nukleare Optionen belässt, nicht akzeptabel, während Trump hier eine Verhandlungslösung akzeptieren könnte. Generell fürchtet die israelische Führung unter Premierminister Netanjahu, dass Trump den Krieg aus innenpolitischen Gründen abbrechen könnte, bevor das iranische Regime endgültig geschlagen ist.
Israels Ministerpräsident Netanjahu und US-Präsident Trump: Ihre Interessen decken sich nur zum Teil. Bild: keystone
Daneben dürfte Jerusalem auch die Vernichtung des iranischen Arsenals an ballistischen Raketen und der Fähigkeit, solche zu produzieren, anstreben. Israel wird auch versuchen, das bereits stark geschwächte Netzwerk der iranischen Proxys – die sogenannte Achse des Widerstands, zu der neben der Hisbollah auch die Hamas und die jemenitische Huthi-Miliz zählen – weiter zu schwächen oder ganz zu zerschlagen.
Die Hamas im Gazastreifen hat offenbar die Unterstützung Katars verloren, nachdem sie sich solidarisch mit dem Iran erklärt hatte, obwohl dieser den Golfstaat angegriffen hatte. Derzeit dürfte die Terrormiliz auch keine Gelder aus Teheran erhalten. Gleiches gilt für die Hisbollah im Libanon, die nach Beginn des Irankriegs Raketen auf Israel feuerte und sich damit massive israelische Luftangriffe und eine Bodenoffensive im Südlibanon einhandelte. Israel möchte die Bedrohung durch die Schiitenmiliz an seiner Nordgrenze ein für alle Mal ausschalten und hat daher der Ausweitung der Waffenruhe auf den Libanon nur zähneknirschend zugestimmt. Ein Ende des Kriegs, das die Hisbollah einigermassen intakt lässt, dürfte für die israelische Führung einer Niederlage gleichkommen.
Israelischer Panzer im Südlibanon. Bild: keystone
Iran
Die amerikanisch-israelischen Angriffe dürften die militärische Kapazität der Islamischen Republik stark reduziert haben – wie schwer die Verluste tatsächlich sind, ist allerdings umstritten. Zudem wurden politische und militärische Schlüsselfiguren des Regimes eliminiert, so Ali Chamenei, der langjährige oberste Führer, oder Ali Laridschari, der bei der blutigen Niederschlagung der Proteste im vergangenen Januar den Schiessbefehl erteilt haben soll. Das Regime hat sich aber gleichwohl als resilient erwiesen. Freilich gibt es Anzeichen für interne Machtkämpfe, bei denen vermutlich die Revolutionsgarde zunehmend die Entscheidungsgewalt übernehmen kann.
Angesichts der massiven militärischen Überlegenheit der USA und Israels ist es für das Regime bereits ein Erfolg, wenn es den Konflikt überlebt. Daneben sucht es möglichst umfangreiche nukleare und ballistische Kapazitäten und die Reste des regionalen Netzwerks von verbündeten Milizen zu erhalten. Als wirksame Waffe hat sich die Sperrung der Strasse von Hormus erwiesen, die den Ölpreis nach oben treibt und die Weltwirtschaft gewissermassen in Geiselhaft nimmt – US-Aussenminister Marco Rubio nannte die Blockade eine «wirtschaftliche Atombombe».
Wer im Iran nach dem Tod von Ali Chamenei wirklich das Sagen hat, ist derzeit nicht klar. Der Chef der Revolutionsgarde, der Hardliner Ahmad Vahidi, zählt zu den einflussreichsten Personen in der iranischen Führung. Bild: keystone
Die als Reaktion darauf verhängte Blockade der iranischen Häfen durch die USA setzt das Regime freilich ebenfalls stark unter Druck, da es aufgrund der wegbrechenden Öleinnahmen die Gehälter von Polizei und Militär bald nicht mehr bezahlen kann. Die iranische Wirtschaft steht kurz vor dem völligen Kollaps. Allerdings steht auch Trump angesichts der Benzinpreise und Kriegskosten unter wachsendem innenpolitischem Druck, den Krieg zu beenden. Es ist noch offen, wer diesen Wettlauf mit der Zeit für sich entscheiden wird.
Golfstaaten
Für die Monarchien am Golf – Saudi-Arabien, Katar, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait und Bahrain – ist der Irankrieg eine Katastrophe. Ihre Bemühungen, sich international als sichere Destinationen für Touristen und Kapital zu präsentieren, sind durch die iranischen Raketen- und Drohnenangriffe konterkariert worden. Zwar sind sich die Golfstaaten – die im Übrigen keine gemeinsame Front bilden und teilweise unterschiedliche Interessen verfolgen, wie auch jüngst der Austritt der Emirate aus der Opec gezeigt hat – durchaus einig in der Zurückweisung iranischer Ambitionen, zur bestimmenden Regionalmacht aufzusteigen. Sie begrüssen es daher, wenn die militärischen und nuklearen Fähigkeiten der Islamischen Republik Iran beschränkt werden und ihr Proxy-Netzwerk zerschlagen wird.
Beschädigtes Gebäude im Finanzdistrikt von Dubai. Bild: keystone
Doch einen unkontrollierten Regime Change in Teheran fürchten die Golfstaaten ebenso wie einen allzu starken Iran. Sollte das riesige Land in einem Bürgerkrieg versinken, hätte dies destabilisierende Auswirkungen auf die gesamte Region. Ein Alptraum ist aber auch das Szenario eines jahrelang weiter schwelenden Konflikts, der mit Produktionsrückgängen und Blockaden der Seewege verbunden wäre. Schon jetzt haben die Schäden an der Infrastruktur und die Produktionsausfälle Kosten in Milliardenhöhe verursacht. Das Wunschszenario für die Golfstaaten ist ein Konflikt, der schnell eingedämmt wird und den Iran geschwächt, aber stabil zurücklässt.
China
China bezieht einen Grossteil seines Öls aus der Golfregion. Die Blockade der Strasse von Hormus trifft die zweitgrösste Wirtschaftsmacht der Welt jedoch nicht so empfindlich, da sie – noch – über bedeutende strategische Öl-Reserven verfügt und überdies stark in erneuerbare Energien investiert hat. Gleichwohl betrachtet Peking den Krieg mit Sorge, denn sollte er sich in die Länge ziehen, inklusive anhaltender Sperrung der Meerenge, dürfte auch die chinesische Wirtschaft leiden – nicht nur wegen der Öl-Knappheit, sondern wegen schwächelnder globaler Nachfrage, was die Exportnation treffen würde.
Diplomatische Rückendeckung für Teheran, aber keine militärische Hilfe: Xi Jinping betreibt eine zurückhaltende Politik.Bild: keystone
Der Iran ist jedoch nicht nur als Energielieferant wichtig für China, sondern auch als Verbündeter in einer strategisch wichtigen Region. Er ist Teil der Belt-and-Road-Initiative Chinas und seit 2024 Mitglied der zusehends chinesisch dominierten BRICS-Staatengruppe. Ein Sturz des Regimes in Teheran und die Installation einer US-freundlichen Regierung würde Peking des letzten Verbündeten in der Region berauben und die USA darüber hinaus in die Lage versetzen, im Falle eines Konflikts im Indopazifik die Energielieferungen aus dem Golf an China einzuschränken.
China hofft daher auf eine amerikanische Niederlage, ohne aber dem Iran mehr als rhetorisch zur Seite zu stehen. Peking muss nämlich darauf achten, die Golfstaaten nicht vor den Kopf zu stossen, von denen es weitaus mehr Öl bezieht als vom Iran. Diese positionieren sich zunehmend offen auf der Seite der Amerikaner, auch aufgrund der iranischen Angriffe. Das Resultat ist eine zurückhaltende chinesische Politik: Peking mahnt Deeskalation und Dialog an und profiliert sich als konstruktiver und – im Gegensatz zu den bellizistischen USA – friedlicher Akteur. China gibt dem Iran zwar diplomatische Rückendeckung, unterstützt ihn aber militärisch nicht direkt.
Russland
Russland und der Iran – einander verbunden durch die Feindschaft gegenüber den USA – sind in den vergangenen Jahren enger zusammengerückt: In Syrien haben die beiden lange den Diktator Assad an der Macht gehalten und der Iran hat Russland mit Drohnen beliefert, die im Krieg gegen die Ukraine zum Einsatz kamen. Der Iran dient Moskau auch dazu, westliche Sanktionen zu unterlaufen. Nach dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien ist der Iran der letzte Partner Russlands in der Region, zumal auch die einst guten russischen Beziehungen zu Israel mittlerweile stark getrübt sind.
Dem Iran helfen, aber Trump nicht verärgern: Putin balanciert auf einem schmalen Grat. Bild: keystone
Der Irankrieg ist daher für den Kreml eine zwiespältige Sache: Zum einen profitiert Moskau vom Krieg, da der Ölpreis steigt und US-Präsident Trump einige der gegen Russland gerichteten Sanktionen zumindest zeitweise aufgehoben hat. Vorteilhaft ist aus russischer Sicht auch die Bindung amerikanischer Ressourcen im Nahen Osten. Ein langer Krieg ohne extreme Eskalation wäre wohl im Sinne des Kremls. Zum andern ist der Iran aber derzeit als Drohnenlieferant ausgefallen. Und es droht ein Sturz des Regimes in Teheran – sollte sich dort eine US-freundliche Regierung etablieren, wäre Moskau im Nahen Osten geopolitisch komplett aus dem Spiel. Dies, nachdem bereits Venezuela als Verbündeter weggefallen ist.
Der Kreml hat deshalb den Iran seit Kriegsausbruch immer wieder vorsichtig unterstützt, wie es scheint etwa mit Aufklärungsdaten über amerikanische Positionen. Zugleich hat Putin aber darauf geachtet, Trump nicht zu sehr zu verärgern. Denn dieser könnte Russland über eine massive Unterstützung der Ukraine erhebliche Probleme verursachen. Aus Sicht des Kremls wäre ein zwar geschwächtes, vom Westen isoliertes, aber ansonsten intaktes iranisches Regime ideal: Es würde weiterhin amerikanische Ressourcen in der Region binden und Möglichkeiten zur Umgehung der Sanktionen bieten.
Europa
Nach erstem Zögern haben sich die europäischen Staaten auf die von der EU-Aussenbeauftragten Kaja Kallas verkündete Losung «Das ist nicht unser Krieg» geeinigt. Dabei fällt die Kritik am amerikanisch-israelischen Vorgehen unterschiedlich stark aus: Während Spanien sich gleich zu Beginn deutlich gegen den Krieg positioniert und Trump durch das Verbot der Nutzung von Militärbasen verärgert hat, äusserte sich der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz erst später kritisch über die US-Offensive und rief zugleich den Iran zur Aufgabe seines Atomprogramms auf.
Der spanische Premierminister Pedro Sanchez hat Trump so verärgert, dass dieser Spanien aus der Nato ausschliessen möchte. Bild: keystone
Freilich hat der Krieg im Nahen Osten den Europäern erneut ihre Machtlosigkeit vor Augen geführt. Ihre Appelle an die Einhaltung des Völkerrechts verhallen ungehört, ihr Einfluss auf den Konfliktverlauf ist minim – obwohl umgekehrt ihre Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen unmittelbar betroffen sind. Die Mahnungen aus London, Berlin und Paris, die Seewege müssten geschützt und Flüchtlingswellen vermieden werden, wirken zudem etwas hohl, weil die Europäer bisher kaum einen wirksamen Beitrag dazu geliefert haben. Für die europäischen Staaten stehen die Deeskalation des Konflikts und die Öffnung der Strasse von Hormus im Vordergrund. Sie befürworten eine diplomatische Lösung des Konflikts, wobei aber der iranische Verzicht auf Atomwaffen eine zentrale Forderung darstellt.
Türkei
Die Türkei, deren Wirtschaft bereits unter einer hohen Inflation ächzte, ist durch den Irankrieg ökonomisch getroffen worden; ihre Wirtschaftskrise hat sich vertieft. Durch den Krieg, den sie sich nicht ausgesucht hat, ist sie obendrein zum Frontstaat wider Willen geworden. Ankara hat in dieser Position eher vorsichtig operiert und es vermieden, Partei zu ergreifen – obwohl mehrere iranische Projektile innerhalb der türkischen Grenzen einschlugen.
Fürchtet kurdischen Separatismus: Der türkische Präsident Erdogan.Bild: keystone
Ankara verfolgt vielmehr eine Politik, die sich gegen Eskalation und Regime Change wendet und für Waffenstillstand plädiert. Das militärisch starke Nato-Mitglied fürchtet einen destabilisierten Iran – und zwar in erster Linie aufgrund der kurdischen Bevölkerung dort, die möglicherweise sezessionistische Gelüste entwickeln könnte. Schon im Irak und in Syrien hat die Türkei, Heimat der grössten kurdischen Minderheit überhaupt, militärisch ohne grosse Skrupel interveniert, um kurdische Selbstbestimmung zu verhindern oder zu behindern. Gerüchte, wonach die USA iranische Kurden zum Kampf gegen das Regime in Teheran aufgerufen hätten, haben Ankara daher alarmiert.
Zudem befürchtet die Türkei, die seit Jahren einen stark israelfeindlichen Kurs verfolgt, eine Verschiebung der regionalen Machtbalance: Der Iran und sein Netzwerk von verbündeten Milizen sind geschwächt – zugunsten von Israel, das mittlerweile die dominierende Militärmacht in der Region ist. In diesem Zusammenhang betrachtet die türkische Führung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan das militärische Sicherheitsbündnis zwischen Israel, Griechenland und Zypern mit Argwohn. Aussenminister Hakan Fidan bezeichnete die vertiefte israelisch-griechisch-zypriotische Zusammenarbeit als «Projekt mit dem Ziel der Einkreisung der Türkei».
Trump zur Zerstörung im Iran
Video: watson/nina bürge