Der Militärökonom Marcus M. Keupp zeichnet im Interview mit CH Media die grossen Linien der globalen Konfliktherde nach. Und kommt dabei zu einem überraschend optimistischen Ausblick.
18.04.2026, 16:4218.04.2026, 16:42
Der 48-jährige Marcus M. Keupp doziert als Militärökonom an der Militärakademie der ETH Zürich und ist seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ein viel gefragter Experte, unter anderem mit regelmässigen Auftritten bei «ZDF Heute Live». Hingegen wurden viele seiner Einschätzungen, vor allem was die strukturelle Schwäche der russischen Armee und Ökonomie angeht, heftig kritisiert und angefeindet – insbesondere nach den russischen Siegen seit der gescheiterten ukrainischen Gegenoffensive 2023.
In seinem im Mai 2025 erschienenen Spiegel-Bestseller «Spurwechsel» (Quadriga-Verlag) hat der in Freiburg im Breisgau geborene Keupp bereits «die neue Weltordnung nach Russlands Krieg» thematisiert. Seine Beschreibung der Konfliktzusammenhänge hat durch den Iran-Krieg neue Aktualität erhalten.
Ungarn-Wahl, Iran-Krieg, Ukraine-Krieg: Sie haben uns im Vorgespräch das grosse Weltbild im Zeitalter der Multikrisen versprochen. Wie sieht das aus?
Marcus M. Keupp: Ich glaube wirklich, dass 2026 so eine Art doppelter Wendepunkt in der Weltgeschichte werden könnte. Und zwar aus zwei Gründen. Einerseits, weil ich glaube, dass der Rechtspopulismus seinen politischen Zenit überschritten hat. Das Fanal dafür ist die Ungarn-Wahl. Zum anderen, dass sich an der Front in der Ukraine allmählich abzeichnet, was ich schon 2023 vorausgesagt habe: dass Russland den Krieg verlieren wird.
Woran machen Sie das fest?
Sie merken das am Zurückschrauben der russischen Kriegsziele. Mittlerweile ist nicht mal mehr die Rede von den vier Oblasten, die man vollständig besetzen will. Sie sehen, wie die inneren wirtschaftlichen Probleme in Russland langsam durchschlagen: Die Inflation steigt stark an, die Produktivkraft sinkt, den enormen Opfern steht bisher kein Ertrag gegenüber. Sie sehen auch, dass die Taktik der Russen – wir schieben die Front, egal, was es an Menschenleben kostet, Kilometer für Kilometer voran – immer weniger funktioniert. Putin gehen langsam nicht nur die militärischen Systeme aus, sondern auch die Menschen; er muss laufend die Mobilisierungsprämien erhöhen. Und Sie sehen eben auch, dass die Ukraine technologisch laufend besser wird.
Sie haben schon lange davor gewarnt, Russland zu überschätzen.
Leute, die mich 2023 noch verspottet haben, gucken jetzt ganz überrascht und merken: Wir haben jetzt 2026 und die Ukraine hat noch immer nicht kapituliert und noch immer keine Gebiete freiwillig abgetreten. Putins Armee ist nicht die glorreiche Sowjetarmee aus dem Grossen Vaterländischen Krieg, sondern bloss noch der degenerierte Rest davon. Vielleicht sollten wir jetzt mal anfangen, umzudenken. An dem herbei geschriebenen Russland-Bild der angeblichen Supermacht, das das europäische Denken seit den 2000er-Jahren so stark geprägt hat, halten nur noch verbohrte Rechtspopulisten fest. Und diese landen vielleicht bald schon auf dem Müllhaufen der Geschichte.
Putin gehen im Krieg mit der Ukraine langsam nicht nur die militärischen Systeme aus, sondern auch die Menschen.Bild: keystone
Das wäre zu schön, um schon Wirklichkeit zu werden.
Ich weiss, ich gelte als unverbesserlicher Optimist und so weiter – alles geschenkt. Aber ich glaube wirklich, dass dieses Beispiel der Ukraine ein Wendepunkt und der Beginn einer neuen Epoche ist – dass das wirklich funktioniert, wenn man hin steht und sich gegen das letzte verbliebene Imperium Russland wehrt. Das schreibe ich auch in meinem Buch «Spurwechsel». Darin liegt eine grosse historische Ironie, dass bisher auf alle autoritären Krisen, in den USA und sonst wo auf der Welt, immer ein progressives Zeitalter gefolgt ist.
Ein Signal, das jetzt über Ungarn hinauswirkt?
Es ist schön zu sehen, dass der Populismus letztlich an sich selbst scheitert. Wenn Sie überlegen, was Orban dem ungarischen Volk alles versprochen hat und nichts davon halten konnte. Die Leute merken eben irgendwann, dass hinter diesen ganzen populistischen Phrasen nichts an konstruktiven Lösungen für die eigenen wirtschaftlichen Probleme steht. Und seine Strategie, sich sozusagen zum europäischen Stellvertreter von Putin zu machen, eine illiberale Herrschaft unter pseudo-demokratischer Fassade aufzubauen, ist ebenso wenig aufgegangen. Nach dem brutal unterdrückten Aufstand von 1956 haben die Ungarn 70 Jahre später wieder so eine Art kleinen Freiheitsaufstand geübt, der sich indirekt wieder gegen einen russischen Diktator gerichtet hat. Das ist eine besondere historische Pointe.
Nach 16 Jahren an der Macht ist Viktor Orbán deutlich aus dem Amt abgewählt worden.Bild: IMAGO / photothek
Dabei hat sich Orban im Wahlkampf ganz auf die Ukraine und EU als Feindbilder konzentriert.
Das ungarische Volk hat eben durchschaut, wohin diese Pro-Putin-Politik führen würde. Weil sich die freiheitsliebenden Ungarn gefragt haben könnten: Wer ist nach der Ukraine als Nächster dran, sollte Putin dort tatsächlich durchkommen? Man merkt übrigens, wie verärgert Putin über den Wahlausgang ist. Er setzt Ungarn sofort auf die Liste feindlicher Staaten und gratuliert nicht einmal dem Wahlsieger. Das hat ziemlich kleinlich gewirkt.
Dafür kann sich jetzt Putin mit dem gestiegenen Ölpreis wegen des Iran-Kriegs und der mittlerweile doppelten Sperrung der Hormus-Strasse trösten.
Genau da setzen die Ukrainer mit ihrer Kriegsstrategie an und sagen: Ein hoher Ölpreis ist völlig irrelevant, wenn die russischen Tanker nicht auf See kommen. Genau deswegen beschiessen sie recht erfolgreich die beiden grössten russischen Ölhäfen. Und die Ukrainer wissen, irgendwann wird der Ölpreis auch wieder fallen, weil diese Lage an der Strasse von Hormus sich langfristig nicht durchhalten lässt. Man kann nicht eine Weltwirtschaft betreiben mit 20 Prozent fehlendem Ölangebot.
Donald Trump sagt, die USA brauchen das Öl von dort nicht.
Wir haben leider noch immer eine fossile Weltwirtschaft. Eine fundamentale Unterversorgung mit Öl wirkt sich deshalb irgendwann auf die Warenpreise aus und führt eine induzierte Inflation herbei. Spätestens das wird auch Trumps Wählerschaft merken, wenn in den USA plötzlich die Warenpreise steigen; selbst für bisher billige Massengüter aus Asien. Das ist zunächst ein schleichender Prozess. Aber wenn diese Inflation erst einmal in den Warenpreisen drin ist, dann kriegt man sie fast nicht mehr raus. Darum muss man Energiekrisen immer schnellstmöglich beenden, damit eben diese induzierte Inflation nicht passiert, die sich natürlich auch für die Schweiz zum Problem entwickeln könnte.
Stattdessen haben wir jetzt an dieser zentralen Schifffahrtsroute die absurde Situation mit einer doppelten Sperrung. Wie löst man diese wieder auf?
Unmittelbar sehe ich nur drei Szenarien: Dieses Tauziehen geht wochenlang so weiter, der Ölpreis bleibt hoch, dann bekommen wir ein deutliches Inflationsproblem. Oder es gibt irgendeine Art von Hormus-Deal zwischen dem Iran und den USA. Dieser würde aber dem Iran einen permanenten Hebel auf die westlichen Volkswirtschaften in die Hand geben, was auch nicht gerade toll ist. Oder drittens, es gibt eine gewaltsame Lösung, die aber militärisch für die USA mit erheblichen Anstrengungen und unkalkulierbaren Risiken verbunden wäre.
Keines dieser Szenarien klingt wirklich gut.
Nein. Und das führt mich zur grösseren Frage: Wieso sind wir eigentlich immer noch eine fossile Weltwirtschaft? Haben wir eigentlich irgendetwas aus den Ölkrisen von 1973 und 1979 gelernt? Antwort: Nein. Nur wenn sie die Populisten fragen, heisst es immer noch: Ja, klar, gebt uns Öl, gebt uns billiges Gas, «drill, Baby, Drill».
Sie haben gesagt, Sie seien unverbesserlicher Optimist.
Im Gegensatz zu den 1970er-Jahren stehen uns heute skalierbare Alternativtechnologien zur Verfügung. Vielleicht wird diese Ölkrise tatsächlich auch hier einen Wendepunkt darstellen, indem man sagt: Mit dieser Abhängigkeit von fossilen Treibstoffen muss ein für alle Mal Schluss sein. China baut ja beispielsweise die Solarenergie massiv aus.
Vorerst stehen wir aber noch vor diesem Scherbenhaufen in Nahost. Trump wird vorgeworfen, planlos diesen illegalen Krieg vom Zaun gebrochen zu haben. Erkennen Sie vielleicht eine tiefer liegende US-Strategie?
Trump und seine Berater scheinen tatsächlich völlig unvorbereitet diesen Krieg begonnen zu haben und wursteln sich jetzt von Tag zu Tag durch. Die USA hinterlassen gerade einen ziemlich hilflosen Eindruck. Die Iraner hingegen wissen genau, was sie tun, weil sie Spezialisten in dieser Art von indirekter Kriegsführung sind. Das haben die Amerikaner vollkommen unterschätzt.
Also keine US-Strategie?
Dafür müsste man zuerst nach den amerikanischen Zielen fragen. Regimewechsel? Völlig aussichtslos, selbst wenn sie noch so viele Mullahs ausschalten, denn dann sind da immer noch die Revolutionswächter, die einen Garnisonsstaat im Staat bilden. Die Degradierung von Irans Militär- und Raketenpotenzial? Das ist teilweise gelungen, aber die militärischen Angriffe trafen vor allem die reguläre Armee und nicht die Revolutionswächter. Die Ausschaltung des iranischen Atompotenzials? Bisher kenne ich keine Navy-Seals-Kommandoaktion, die das angereicherte Uran exfiltriert hätte. Trump muss jetzt tatsächlich irgendeine Art von Passage-Abkommen mit dem Iran abschliessen oder sich den Weg am Golf von Hormus freischiessen, sonst wird der innen- und aussenpolitische Druck zu gross auf ihn.
Trump und seine Berater scheinen völlig unvorbereitet den Krieg mit dem Iran begonnen zu haben.
Mit welchen Konsequenzen?
Trump mit seiner unbedachten Art ist nur der Katalysator einer längeren Entwicklung, die jetzt in den Golfstaaten existenzielle Probleme nach sich zieht. Zur arabischen Urfurcht des «Abandonment», des im Stich-gelassen-werden durch die USA, kommen die wirtschaftlichen Probleme einer immer noch auf Petrodollars gestützten Exportwirtschaft. In Dubai merkt man jetzt, wie leicht die Influencer-Glitzerfassade mit den Hochhäusern und Shopping-Malls kollabieren kann. Wenn die Ölexporte nicht mehr funktionieren, wird sofort auch das arabische Gesellschaftsmodell des absoluten, aber für Wohlstand sorgenden Landesvaters, brüchig.
Kann Russland im Hintergrund davon doch der Profiteur sein?
Im Gegenteil. Selbst der Iran-Krieg zeigt Russlands graduellen Machtverlust und ein Unvermögen zu fortgesetzter Expansionspolitik, während sich die Ukraine äusserst geschickt als Luftverteidigungs-Experte in den Golfstaaten eingebracht hat. Der Iran dagegen erkennt, wie wenig Beistand er von Russland erhält, und die russische Flotte, die ja im Grunde bloss ein Zusammenschluss mehrerer Regionalflotten ist, spielt im Persischen Golf überhaupt keine Rolle.
Es wurde gemutmasst, dass Trump mit dem Angriff auf Iran Putin direkt in die Hände spielen will.
Ich muss immer lächeln, wenn ich von der angeblich engen Verbindung zwischen Trump und Putin lese. In Wirklichkeit führt Trump Putin gerade auf der Weltbühne vor und zeigt deutlich auf, was Russland alles nicht kann. Venezuela, Syrien, Iran, Beschlagnahmung von Tankern der Schattenflotte: Nirgends konnte Putin wirksam eingreifen. Dabei strebt Russland schon seit Zeiten des Imperialismus geostrategisch in Richtung Persischen Golf. Ich denke, was wir gerade erleben, sind die letzten Zuckungen des 19. und 20. Jahrhunderts, und wir sehen so langsam die Welt des 21. Jahrhunderts entstehen. Hier bricht gerade die russische Fassade zusammen.
Was für Sie persönlich eine Genugtuung darstellen muss. Wie schwer haben Sie die Anfeindungen wegen Ihrer Russland-kritischen Prognosen getroffen? Noch heute fangen Sie in den Sozialen Medien fast jeden Beitrag mit dem Satz an: «Mir glaubt man ja nicht, aber …».
Getroffen hat es mich nicht. Ich habe das stets mit einem ironischen Lächeln zur Kenntnis genommen, weil ich mir gesagt habe: Auch schlechte Presse ist Presse. Und wenn Sie von solchen Leuten angegriffen werden, dann ist das zunächst mal das Zeichen, dass Sie etwas richtig gemacht haben und mit Ihren Aussagen wirken. Ich war schon mehrfach im russischen Staatsfernsehen, mit schlechtem russischem Voice-Over und falsch transliteriertem Namen; aber trotzdem, ich war im russischen Staatsfernsehen. Da bin ich ein bisschen stolz drauf. Es gibt bestimmt eine Akte über mich beim russischen Inlandsgeheimdienst FSB, auch darauf bin ich stolz.
Vieles von dem, was Sie zu Beginn des Ukraine-Krieges prognostiziert haben, ist bis heute nicht eingetroffen. Das hat auch bei unserer Leserschaft zu vielen kritischen Kommentaren geführt.
Mich haben tatsächlich Medienberater angerufen, mit der Frage, ob sie mir helfen sollten, meine Aussagen öffentlich zurechtzubiegen. (lacht) Ich habe dann immer gesagt: Über uns alle richtet die Geschichte, wir sprechen uns, wenn der Krieg vorbei ist. Und er wird sicher noch einige Zeit dauern. Ich erlaube mir halt, journalistische Meinungen über die angebliche Grossmacht Russland zu hinterfragen, was gewisse Weltbilder zerstört und entsprechend aggressiv beantwortet wird. Andererseits erhalte ich auch jede Menge Zustimmung.
Wieso ist das für Sie so wichtig?
Mein Wissenschaftsverständnis ist, dass Wissenschaft immer auch ein Dienst an der Gesellschaft, also eine kommunikative Aufgabe sein muss. Als ich am 24. Februar 2022 um vier Uhr morgens die CNN-Schlagzeile «Russia invades Ukraine» las, fragte ich mich: Hältst du den Mund oder gehst du raus an die Öffentlichkeit, dann ist aber dein altes Leben vorbei. Ich konnte nicht schweigen, der Gedanke daran war unerträglich. Das ist ein Zustand, in dem ich mich heute noch befinde. Aber ich bereue nichts.
Noch eine Frage, die mich schon lange beschäftigt: Wie wird man Militärökonom an der ETH Zürich?
Die Kurzfassung lautet: Ich stellte mir die Frage, willst du der 20. Professor für International Management werden oder willst du in einem Gebiet forschen, wo es nur ganz wenige Leute gibt und wo man Themen definieren kann? Schon mein Doktorvater sagte, man soll dort fischen, wo es viele Fische aber bloss wenige Fischer gibt. Diesem Ratschlag bin ich gefolgt. (aargauerzeitung.ch)