Profitiert nur vordergründig vom Iran-Krieg: Kreml-Chef Wladimir Putin bekommt immer mehr Druck aus der russischen Gesellschaft.Bild: keystone
Interview
Russland-Kenner Andrey Gurkov sagt, wie stark die Wirtschaftskrise Wladimir Putin unter Druck setzt, was das für den Krieg in der Ukraine bedeutet – und warum der Kreml-Chef Donald Trump unheimlich findet.
02.04.2026, 06:5902.04.2026, 06:59
Wladimir Putin führt gerade zwei Kriege: Gegen die Ukraine und indirekt an der Seite der Iraner gegen die USA. Damit geht er auf direkte Konfrontation mit Donald Trump. Warum tut er das?
Im Grunde führt Putin sogar drei Kriege. Der dritte grosse Krieg, neben der Ukraine und dem Iran, ist der Kulturkampf gegen den Westen. Bis vor kurzem hat er diesen vor allem gegen Europa geführt. In Moskau setzte man darauf, dass US-Präsident Donald Trump schnelle Erfolge braucht und deshalb den Druck auf die Ukraine rasch erhöhen würde und sie letztlich zur Kapitulation zwingt. Die Kraft, die dem entgegenstand, waren – neben den für ihre Unabhängigkeit kämpfenden Ukrainern – die Europäer.
Seit Trumps Angriff auf den Iran steigt der Ölpreis immer höher. Das spült Russland Milliarden in die Kassen. Ist Putin der eigentliche Gewinner des Iran-Kriegs?
Es stimmt, er profitiert vom hohen Ölpreis. Aber die Art und Weise, wie Trump gegen die iranische Führung vorgeht, hat den permanent vorhandenen und jahrzehntelang aufgewärmten Hass auf Amerika in der russischen Gesellschaft hochkochen lassen. Putin gewinnt taktisch, weil er ein paar Milliarden mehr bekommt. Aber der Deal, den er haben wollte und den er nach wie vor anstrebt, mit Trump die Welt untereinander aufzuteilen und dabei noch Geschäfte zu machen, wird mit jedem Tag des Iran-Kriegs für Putin innenpolitisch schwieriger. Immer mehr Russen sagen: Trump hat Maduro gekidnappt, die iranischen Führer ermordet, führt Krieg gegen unsere Verbündeten – mit dem kann man keine Geschäfte machen. Putin hat also ein Interesse daran, dass der Iran-Krieg bald endet, obwohl er finanziell davon profitiert.
Sieht Putin in Trump eher einen Partner oder einen Gegenspieler?
Trump war es, der die grössten russischen Firmen Rosneft und Lukoil mit drastischen Sanktionen belegt hat. Gerade erst hat er jedoch das eigene Sanktionsregime gegen Kuba gelockert, um einen russischen Tanker durchzulassen. Er ist eine widersprüchliche Figur. Die ganze Welt rätselt, wie man ihn und seine Position zu Russland einschätzen soll. Trump hat für Putin etwas Unheimliches.
US-Präsident Donald Trump (rechts) empfängt Wladimir Putin im August letzten Jahres zum Gipfel in Alaska.Bild: keystone
Wie meinen Sie das?
Putin hat lange davon profitiert, dass er das Image des Unvorhersehbaren hat. Er konnte wie bei der Krim-Eroberung Dinge tun, auf die der Westen überhaupt nicht vorbereitet war. Und jetzt kommt mit Trump ein noch viel Mächtigerer, der nach demselben Prinzip handelt. Niemand weiss, was Trump als nächstes tut.
Sie sprachen von innenpolitischem Druck auf Putin. Muss diesen überhaupt interessieren, was das russische Volk sagt? Er hat ein extremes Repressionssystem aufgebaut, das sämtlichen Widerspruch niederknüppeln lässt.
Vorsicht – im heutigen Russland gibt es nicht den Massenterror wie unter Stalin, keinen Gulag mit Millionen Insassen. Putin hat gar nicht die Kraft wie Stalin seinerzeit. Das heutige System ist sehr hart, aber es beruht auf selektiver Repression. Menschen werden durch drakonische Strafen für Einzelne eingeschüchtert. Natürlich ist Putin nicht wie in westlichen Ländern von der Meinung der Wähler abhängig. Aber er ist davon abhängig, dass die Gesellschaft und vor allem auch die Bürokratie mitmacht.
Was passiert, wenn er diesen Rückhalt verliert? Kommt es zum Putsch?
Putsche sind keine russische Tradition. Der Sturz des Systems wird auch nicht dadurch herbeigeführt werden, dass die Menschen massenhaft auf die Strasse gehen. Die grösste Chance auf ein Ende des Putinismus besteht darin, dass das System erodiert, dass die Bürokratie auf mittlerer und unterer Ebene einfach nicht mehr mitmacht, dass etwa keine Soldaten mehr rekrutiert und an die Front geschickt werden. Der Westen kann diese Entwicklung mit harten Sanktionen gegen die russische Wirtschaft unterstützen.
Andrey Gurkov
Geboren in Moskau, arbeitete Andrey Gurkov über Jahrzehnte als Russland-Experte für die Deutsche Welle. In dieser Woche trat er in der Reihe Campus Global der Fachhochschule Nordwestschweiz (Hochschule für Wirtschaft) in Brugg auf. Sein neustes Buch: «Für Russland ist Europa der Feind» (2025).
Bild: Nina Schöner Fotografie
Muss Putin in Russland heute noch irgendjemanden fürchten?
Innerhalb Russlands gibt es eine Art «Kriegspartei», die von ihm fordert, Stärke zu zeigen. Diese Leute werden immer lauter und Putin muss anscheinend auf deren Druck reagieren. Er merkt auch, dass er sich möglicherweise von der Hoffnung, einen Deal mit Trump zu machen, nach und nach verabschieden muss.
Wer ist diese «Kriegspartei»?
Vor allem sogenannte Z-Blogger aus dem militärischen Umfeld, teilweise mit Millionen Followern. In Russland gibt es keine freien Medien, deshalb findet die Debatte im Internet und in den sozialen Medien statt, vor allem auf Telegram und YouTube. Viele werfen Putin Schwäche vor, manche fordern sogar den Einsatz von Atomwaffen in der Ukraine. Es ist, nach dem Tod von Alexej Nawalny, der herausragenden Führungspersönlichkeit der liberalen, demokratischen Kräfte, die letzte verbliebene Opposition in Russland. Putin fürchtet den wachsenden Einfluss dieser Szene – deshalb versucht der Staat, soziale Medien stärker zu kontrollieren.
Das heisst, er wird den Krieg verschärfen und noch brutaler führen?
Wenn er mit Trump keinen Deal machen kann, wird er alles daran setzen, den kompletten Donbass militärisch zu erobern. Putin braucht einen Sieg und die russische Bevölkerung will einen Sieg. Als die sogenannte «militärische Spezialoperation» 2022 begann, war die Vorstellung von Sieg noch die Erstürmung Kiews und die Eroberung der ganzen Ukraine. Nach mehr als 4 Jahren Krieg sind die Erwartungen an einen Sieg stark zurückgeschraubt worden. So wie ich die Signale aus Moskau verstehe, würde man sich mit der Eroberung des Donbass vorerst zufriedengeben und dies der russischen Bevölkerung als grossen Sieg verkaufen.
Neben den Forderungen der Hardliner kämpft Putin mit der Wirtschaft. Wie tief steckt Russlands Wirtschaft in der Krise?
Die Kriegswirtschaft verlangsamt sich seit 2024. Seit Frühjahr 2025 werden immer mehr Symptome einer handfesten Wirtschaftskrise sichtbar. Zu Beginn des Krieges profitierte Russland von enorm hohen Ölpreisen von über 120 Dollar pro Barrel, sie lagen also noch höher als heute. Und die Privatwirtschaft funktionierte damals noch. Das ist heute nicht mehr so. Putin setzt immer mehr auf Staatswirtschaft. Der Leitzins ist bei 15 Prozent, Kleinunternehmer können ihr Geschäft nicht mehr finanzieren. Ausserdem gibt es in Russland einen gewaltigen Arbeitskräftemangel. Hunderttausende junge Männer werden an die Front geschickt und kehren nicht mehr in den Arbeitsmarkt zurück.
Was sind die Folgen?
Die Krise wird immer schlimmer. Sie ist noch nicht an dem Punkt, wo Putin wirtschaftlich nicht mehr weiterkämpfen kann. Aber die Schnelligkeit, mit der sich die Wirtschaftskrise seit Herbst vorigen Jahres wie ein Krebsgeschwür verbreitet, ist faszinierend. Durch den hohen Ölpreis gibt es im Moment eine gewisse Pause. Aber auch der wird wieder fallen. Und das strukturelle Problem ist nicht gelöst. Ausserdem bombardieren die Ukrainer gezielt die russischen Exporthäfen, um die Öllieferungen zu verlangsamen.
Wie lang kann Putin seinen Krieg gegen die Ukraine unter diesen Voraussetzungen noch führen?
Putin steckt in einer Sackgasse. Er kämpft seit über vier Jahren in der Ukraine und hat noch keinen grossen Sieg geliefert. Putin hat kein Problem damit, Hunderttausende Männer an der Front zu verheizen und die Wirtschaft den Bach runtergehen zu lassen für seinen imperialen Traum und seinen Platz in der russischen Geschichte. Aber die Vorstellung, Russland könnte mit dem Wirtschaftsproblem, das es jetzt hat, jahrelang Krieg führen, trifft nicht zu.
Bild: chmedia
Was ist die langfristige Strategie?
Machterhalt. Putin ist sehr besorgt um seine Gesundheit. Im Unterschied zu vielen anderen russischen Herrschern führt er ein gesundes Leben, trinkt keinen Alkohol und treibt Sport. Er möchte die schönen Seiten seiner Allmacht in Russland so lange wie möglich auskosten. Langfristig geht es ihm um die Übergabe der Macht an die Kinder der Leute in seinem engsten Zirkel. Eine liberale Entwicklung wird es in Russland mit Putin und höchstwahrscheinlich auch nach ihm nicht geben.
Wie könnte es in absehbarer Zeit zu einem Waffenstillstand in der Ukraine kommen? Geben Sie uns Ihr «best case» Szenario.
Ein hoffnungsvolles Szenario wäre, dass etwa bis zum nächsten Winter die wirtschaftlichen Probleme in Russland so stark zunehmen, dass die Soldaten und Söldner nicht mehr bezahlt werden können. Unter dem Druck, den Krieg nicht mehr finanzieren zu können, müsste der Kreml ihn einfrieren.
Und das schlimmste?
Dass Putin noch genügend wirtschaftliche und menschliche Ressourcen findet, um den Krieg noch ein, zwei Jahre zu führen und in Europa nach Wahlen in den Schlüsselländern die Stimmung kippt und Pro-Putin-Parteien an die Macht kommen. Wenn die Stimmung in Europa kippt, sich in den USA die MAGA-Bewegung an der Macht hält und die Unterstützung für die Ukraine zurückgefahren wird, könnte in Kiew tatsächlich die russische Fahne gehisst werden.
Braucht einen Sieg in der Ukraine: Russlands Präsident Wladimir Putin.Bild: keystone
Das bleibt Putins Traum?
In Putins Vorstellung gibt es keinen unabhängigen Staat Ukraine. Für ihn ist das ein Kunstgebilde, geschaffen von Lenin. Es gibt für ihn auch kein ukrainisches Volk und keine ukrainische Sprache, das ist für ihn alles Teil des russischen Imperiums. Er will die «historische Ungerechtigkeit», dass das russische Imperium eine seiner Kronjuwelen verloren hat, beheben.
Und dann ist Europa dran. Oder ist diese Sorge überzogen?
2021 hat der Kreml der Nato ein Ultimatum gestellt, sie müsse sich auf die Grenzen von 1997 zurückziehen. Das würde bedeuten, die Osterweiterung rückgängig zu machen. Inklusive Baltikum und aller osteuropäischen Länder. Es ist sehr wichtig, das dem westeuropäischen Publikum nahezubringen: Was die Völker Osteuropas 1989 als Befreiung vom Kommunismus verstanden haben, wird von sehr vielen in Russland als der Verlust der legitimen Kriegsbeute aus dem Grossen Vaterländischen Krieg beziehungsweise dem Zweiten Weltkrieg verstanden. Kriege werden geführt, um Beute zu machen, meinen solche Leute. Die Beute des Zweiten Weltkrieges, des grossen Sieges, für den das sowjetische Volk einen horrend hohen Preis gezahlt hat, war die Kontrolle über Osteuropa, Ostmitteleuropa bis hin zu einem Teil von Deutschland. Viele in Russland sagen, was der «Schwächling» Gorbatschow weggegeben hat, muss sich ein starker Präsident wie Putin zurückholen.
Aber die wollen nicht ernsthaft Ostberlin wieder zurück.
In Sendungen des staatlichen Fernsehens wird davon gesprochen. Man kann das als Schaumschlägerei deuten und sich fragen, ob die sehr gut ausgebildeten Politologen und Journalisten, die so etwas von sich geben, tatsächlich daran glauben. Aber die Bevölkerung will das hören. Was aber tatsächlich an erster Stelle wäre, das wären die drei baltischen Staaten. Sollte die Ukraine fallen, wovon ich ausdrücklich nicht ausgehe, wäre die logische Konsequenz: «Wir haben uns die Ukraine zurückgeholt, jetzt holen wir uns das Baltikum zurück.»
Woher kommt Putins Hass auf Europa?
Ein Kapitel in meinem Buch heisst «Verhasstes Amerika, verachtetes Europa». Der Fixpunkt für Russland sind die USA. In der Vorstellung der russischen Gesellschaft haben sich die USA in der Welt den Platz an sich gerissen, der eigentlich Russland zusteht. Diese Ungerechtigkeit müsse man korrigieren. Aber gleichzeitig sagt man sich, ok, zusammen mit der anderen Supermacht die Welt aufzuteilen, ist auch ein ehrenvoller Deal. China wird übrigens generell ausgeblendet. Man lebt immer noch in der Vorstellung der Sowjetzeit. Also, mit der Hassliebe Amerika kann man einen Deal machen, aber nicht mit dem Kleinkram der Europäer. Die nimmt man gar nicht ernst.
Wie sehen die Russen eigentlich die Schweiz?
In den 2000er und 2010er Jahren war die Schweiz, genau wie der Rest Europas, für Russen aus der Ober- und Mittelschicht ein grosser Einkaufs- und Vergnügungspark. Man sagte sich: Wir fahren in die Schweiz zum Skifahren und weil es tollen Service, teure Uhren und das Bankgeheimnis gibt.
Inzwischen geht das in Europa nicht mehr.
Deshalb kultiviert man jetzt einen Hass auf Europa. Es unterstütze die angeblichen Faschisten in der Ukraine und sei ohnehin ein «schwules Europa», das keine Werte habe. (aargauerzeitung.ch)
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