Interview
Die regelbasierte Weltordnung wird durch die Macht des Stärkeren abgelöst. Politphilosoph Francis Cheneval erklärt, wie Europa darauf reagieren sollte – und was das für die Schweiz bedeutet.
11.01.2026, 18:0711.01.2026, 18:07
Francesco Benini, Raffael Schuppisser / ch media
Sie befinden sich derzeit in Kolumbien. Wie blickt man dort auf das Geschehen im Nachbarland Venezuela?
Francis Cheneval: Von vielen wird die Verhaftung Maduros positiv aufgenommen. Die venezolanische Expat-Community feiert sie regelrecht. Dennoch schaut man auch mit einer gewissen Besorgnis auf Venezuela. Es besteht die Gefahr, dass das Chaos und die Instabilität auf die kolumbianische Gesellschaft und die fragilen Institutionen überschwappen.
«Es wäre eine Zeitenwende, wenn sich Europa gegen die USA verteidigen müsste», sagt Politphilosoph Francis Cheneval.Bild: keystone
Mit der Entführung des venezolanischen Präsidenten haben die USA das Völkerrecht gebrochen. Als wie gravierend erachten Sie das?
Klar ist: Die Art und Weise der Festnahme ist ein Verstoss gegen die staatliche Souveränität Venezuelas. Gleichzeitig ist das Völkerrecht nicht unabhängig von nationalen Rechtsordnungen. Maduro war zwar aus venezolanischer Perspektive formal Präsident, aber nur China, Russland und einige andere autoritäre Staaten haben ihn als legitimen Präsidenten anerkannt. Aus Sicht des US-amerikanischen Rechts ist er kein legitimer Staatschef und geniesst vor amerikanischen Gerichten keine Immunität. Hier zeigt sich das Spannungsverhältnis zwischen nationalem und internationalem Recht.
Ist der Vorwurf gegen Maduro, er sei der Chef eines Drogenkartells, glaubwürdig?
Der Fall wird nun vor einem Gericht in New York verhandelt. Dort müssen Beweise vorgelegt werden. Ob diese existieren, wissen wir noch nicht. Ich vermute jedoch, dass es solche Beweise gibt, sonst hätte man das Vorgehen nicht so orchestriert.
Zur Person
Francis Cheneval studierte an den Universitäten Fribourg und Georgetown (USA) Philosophie und Politikwissenschaft. Er dozierte unter anderem in Paris, in Bogotà und an der University of Oxford in England. Seit 2011 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Politische Philosophie an der Universität Zürich. Er forscht zu Begriff und Begründung politischer Autorität, Demokratietheorie und ökonomischen Rechten.
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Der eigentliche Coup der Amerikaner war es, den Präsidenten zu entführen, ohne das Land grossflächig anzugreifen oder gar zu bombardieren.
Genau darin liegt aber auch das Problem. Der diktatorische venezolanische Militärapparat funktioniert weiter, er ist an der Macht. Mit der Beseitigung des Präsidenten ist dieses Problem nicht gelöst. Das Militär kontrolliert grosse Teile der Wirtschaft, vor allem die strategisch wichtigen Ölreserven.
Was ist aus Ihrer Sicht die Strategie der USA?
Ich glaube, dass das kurzfristige Vorgehen der USA auf Erpressung hinausläuft. Trump hat die legitime venezolanische Opposition vollständig übergangen. Es ging ihm nicht um einen Regimewechsel hin zur demokratisch legitimierten Regierung, die 2024 die Präsidentschaftswahlen gewonnen hat. Trump hätte diese legitime Regierung mit Nachdruck anerkennen müssen, tat es aber nicht. Stattdessen setzt er den venezolanischen Militärapparat so unter Druck, dass er nach seiner Pfeife tanzt.
Warum unterstützt Trump nicht die venezolanische Opposition?
Es geht hier nicht um Kohärenz, sondern um eine Machtdemonstration: Innerhalb von zweieinhalb Stunden dringt man in ein Land ein, nimmt den Präsidenten fest und zieht wieder ab. Offiziell begründet man das mit der Festnahme eines Drogendealers, tatsächlich aber demonstriert man China, Russland und auch Europa, wozu die USA militärisch fähig sind. Das ist wahrscheinlich das eigentliche Ziel Trumps.
US-Präsident Donald Trump.Bild: keystone
Kann ein langsamer Übergang zur Demokratie trotzdem gelingen?
Im Kern ist das die Argumentation von Aussenminister Marco Rubio. Historisch betrachtet sind solche Interventionen der USA in Lateinamerika nichts Neues. In den wenigsten Fällen haben sie aber zu einer demokratischen Transition geführt. Dennoch ist es möglich, dass ein Übergang zur Demokratie gelingt, wenn der venezolanische Machtapparat irgendwann fällt. Strebt man das ernsthaft an, hätten die USA jedoch bereits jetzt klare Signale senden müssen, dass sie die legitime venezolanische Regierung unterstützen.
Was ist aus Ihrer Sicht das übergeordnete Ziel der Aktion?
Es geht darum, Venezuela aus dem Einflussbereich Chinas, Russlands und anderer Akteure – auch der Hisbollah – herauszulösen und wieder klar in den Einflussbereich der USA zu bringen. Dazu gehört langfristig auch Kuba.
Das Vorgehen der USA erinnert an die Bombardierungen der Atombunker im Iran.
Trump scheut davor zurück, amerikanische Bodentruppen einzusetzen. Er will das möglichst vermeiden, weil sich tote oder verwundete US-Soldaten negativ auf die öffentliche Meinung auswirken können. Gezielte Schläge sind allerdings nicht neu. Schon unter Präsident Obama gab es extraterritoriale Tötungen, etwa mit Drohnenangriffen in Afghanistan.
Die regelbasierte internationale Ordnung wird abgelöst von einer Welt der Einflusssphären, in denen die Grossmächte dominieren.
Sowohl im Welthandel als auch im militärisch-strategischen Bereich ist das Verhalten der Grossmächte derzeit kaum noch regelbasiert. Gleichzeitig darf man aber nicht vergessen, dass ein grosser Teil des internationalen Rechts unterhalb dieser Machtpolitik weiterhin relativ gut funktioniert. Gerade kleinere und weniger mächtige Staaten – dazu gehört die Schweiz – haben ein grosses Interesse daran, diese Ordnung zu stützen und weiterzuentwickeln.
Wo sehen Sie Europa in der neuen Weltordnung?
Die Europäische Union ist eine Rechtsordnung zwischen Staaten, die völkerrechtlich souverän geblieben sind. Die EU ist ein Beispiel für robusten Multilateralismus. Er wurde oft totgesagt, hat aber bislang alle Krisen überstanden. Nun steht er vor einem grossen Test. Die übergeordnete Sicherheitsordnung, in der dieser europäische Multilateralismus eingebettet war, ist gefährdet – auch durch die USA. Die Aktion in Venezuela und vor allem die rhetorischen Ausfälle Trumps gegenüber Grönland gefährden die europäische Sicherheitsstruktur.
Will Trump Grönland wirklich annektieren?
Historisch gesehen ist Hawaii auch US-amerikanisch aufgrund einer Annexion. Trump hat aber gesagt, er wolle Grönland kaufen. Ich denke, dass es auch hier eher um Erpressung und Machtdemonstration geht als um eine klassische Invasion. Es gibt auf Grönland bereits eine US-amerikanische Militärbasis. Der rechtliche Rahmen erlaubt es den USA, ihre Verteidigungsanlagen weiter auszubauen. Trump geht es vor allem um Bodenschätze, um seltene Erden und um Öl. Diese Ressourcen will sich Trump sichern.
Trump hat auch militärische Gewalt nicht ausgeschlossen. Das wäre einschneidend, weil Grönland Teil der Nato ist.
Das wäre zweifellos gravierend. Militärisch ist das Gebiet faktisch bereits unter US-Präsenz. Politisch wäre es dennoch ein Affront gegenüber der Nato. Genau darum sehe ich hier auch etwas Positives: Das müsste der politische Moment Europas sein.
Was meinen Sie damit?
Europa sollte jetzt zur Einsicht kommen, dass Aussen- und Sicherheitspolitik bundesstaatlich organisiert werden müssen. Es braucht eine neue juristische Form. Eine europäische Armee müsste gemeinschaftlich finanziert werden, idealerweise über eine Schuldenaufnahme der EU, um die Mitgliedstaaten zu entlasten. Es ergibt keinen Sinn, dass jeder Staat ein wenig mehr für Verteidigung ausgibt. Das erhöht die militärische Schlagkraft Europas nicht wesentlich. Es wäre der Moment, in dem man klar sagen könnte: Grönland ist europäisches Territorium. Die bisherige gemeinsame Erklärung zur Verteidigung der Insel reicht dafür nicht aus.
Warum nicht?
Weil sie nicht glaubwürdig ist. Europa verfügt weder über eine einheitliche politische Führung noch über eine gemeinsame militärische Kommandostruktur. Es wäre eine Zeitenwende, wenn sich Europa gegen die USA verteidigen müsste. Die USA haben zwar mehrmals militärisch in Europa eingegriffen, sie haben sich aber wieder zurückgezogen und staatliche Souveränität wiederhergestellt.
Sie plädieren für eine gemeinsame europäische Armee und eine gemeinsame Finanzierung?
Die EU funktioniert im Handel und in der Regulierung sehr gut. Aber strukturell steht sie auf dem Kopf. Das, was zentral geregelt werden müsste – Aussen- und Sicherheitspolitik –, liegt bei den Mitgliedstaaten. Und das, was lokal geregelt werden könnte, wird zentral reguliert, etwa Plastikdeckel. Die EU muss sich vom Kopf auf die Füsse stellen. Das heisst: eine gemeinsame Aussen- und Sicherheitspolitik, ein politisches Direktorium im Sinne eines europäischen Bundesrates. Nur so kann sich Europa glaubwürdig gegenüber Putin positionieren und potenziell auch gegenüber Trump.
Was ist mit Staaten wie Ungarn und der Slowakei?
Es sollten diejenigen mitmachen, die mitmachen wollen. Zusätzlich zur gemeinsamen Verteidigung braucht es ein soziales Angebot, damit auch linke Kräfte eingebunden werden können. Eine Kombination aus glaubwürdiger Aussengrenzensicherung und sozialer Absicherung könnte rechtspopulistische Kräfte in Europa in die Defensive bringen.
Ungarns Premierminister Viktor Orban.Bild: keystone
Was bedeutet die Aktion in Venezuela für Russland und China? Es gibt Kommentatoren, die sagen, das sei eine Einladung an China, Taiwan möglichst schnell einzunehmen.
Die Festnahme eines Präsidenten ist etwas völlig anderes als die militärische Besetzung Taiwans. Das wäre eine grossangelegte Operation mit Besatzungstruppen und ganz anderen militärischen Dimensionen. Taiwan verfügt über eine viel stärkere Armee als Venezuela. Was aber zutrifft: Die USA können künftig nicht mehr glaubwürdig kritisieren, dass China mit einem Angriff auf Taiwan das internationale Recht verletze. Wenn sich eine Praxis etabliert, bei der Regeln nicht mehr konsequent eingehalten werden, entsteht eine abschüssige Bahn. Das ist eine Gefahr und kann langfristig auch China und Russland weiter ermutigen.
Ist Putin blamiert worden? Was Trump jetzt mit Maduro gemacht hat, hätte Putin zu Beginn des Angriffs auf die Ukraine mit Selenskyj erreichen wollen.
Putin ist sicher blossgestellt. Dass er in der Ukraine mit einer brutalen Invasion vorgeht, hat mich überrascht. Putin ist ein ehemaliger KGB-Offizier, dessen bevorzugtes Mittel Subversion ist. Eine Aktion, wie sie die USA jetzt in Venezuela durchgeführt haben, wäre eigentlich sein Stil. Stattdessen hat er sich in der Ukraine für rohe militärische Gewalt entschieden und verkalkuliert. Gleichzeitig agiert er nach wie vor subversiv, nicht nur in Europa, auch in Afrika. Es ist eine Doppelstrategie: offene Gewalt und verdeckte Destabilisierung. Aber nicht nur Russland, auch China ist blamiert worden.
Wieso?
Es gab ein Treffen eines chinesischen Gesandten mit Maduro nur wenige Stunden vor dessen Festnahme. Es wurde eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, in der China und Venezuela ihre Verbundenheit betonten. Fünf Stunden später kommen die USA und nehmen Maduro fest. Was hat China zu seinem Schutz getan? Nichts. Das lässt Peking sehr schlecht aussehen.
Ist das auch eine Warnung an alle Diktatoren dieser Welt: Wir können jederzeit kommen und euch vor ein Gericht stellen?
Leider nein. Es gilt nach wie vor das alte Prinzip aus dem Kalten Krieg: Nur jene Diktatoren, die von den USA nicht als legitime Partner gesehen werden, sind gefährdet. Die anderen werden unterstützt. Gerade bei Trump ist das offensichtlich. Es müssen sich nicht alle Diktatoren vor den USA fürchten, sondern nur jene, die auf Konfrontationskurs mit ihnen sind.
Ist die Welt mit den Ereignissen seit Anfang des Jahres sicherer oder unsicherer geworden?
Die Welt ist unsicherer geworden – vor allem Europa. Denn die USA sind offenbar nicht mehr bereit, die europäische Sicherheit zu garantieren, während Russland Europa offen bedroht. Andere Teile der Welt waren schon immer unsicher. Die Vorstellung, wir lebten in einer postnationalen, friedlichen Weltordnung, das war immer eine europäische Perspektive. Neu ist eine innereuropäische Unsicherheit.
Wie sollte die Schweiz mit dieser Situation umgehen – als Insel in Europa?
Ich glaube, dass die Schweiz ein grosses Interesse daran hat, ihre Beziehung zur EU verlässlich und regelbasiert zu gestalten. Man kann Überregulierung zu Recht kritisieren. Aber wenn man von einer regelbasierten Ordnung spricht, muss man sich auch an Regeln halten, wenn man sie als übertrieben empfindet. Die Stärke von Regeln liegt darin, dass sie Verlässlichkeit schaffen. Aus dieser Verlässlichkeit entstehen Handlungsmöglichkeiten. Darum halte ich es für wichtig, dass die Schweiz ihre Beziehungen zur EU weiter konsolidiert.
Was würde es für die Schweiz bedeuten, wenn es tatsächlich zum von Ihnen beschriebenen politischen Moment Europas käme?
Dann stünde die Schweiz vor einer echten Alternative: sich an diesem Projekt zu beteiligen oder – ähnlich wie Andorra oder Monaco – formal unabhängig innerhalb eines europäischen Bundesstaates zu bleiben. Man müsste sich dann aber fragen, was diese Unabhängigkeit konkret bedeutet.
Der französische Präsident Macron hat wiederholt eine stärkere Integration Europas gefordert.
Macron ist politisch stark geschwächt. In Europa gibt es derzeit so etwas wie ein informelles Triumvirat aus Macron, Merz und Starmer – und alle drei sind politisch instabil. Zudem ist das Triumvirat problematisch, weil es wichtige Länder wie Polen, Spanien und Italien aussen vor lässt. Diese Ad-hoc-Koalitionen überschätzen oft ihre Handlungsmöglichkeiten.
Was ist stattdessen notwendig?
Die ehemaligen europäischen Imperien müssen akzeptieren, dass ihre imperiale Zeit vorbei ist. Sie müssen sich bescheiden auf einer europäischen Ebene einbringen. Dieses Bewusstsein ist in den Köpfen vieler Bürger noch nicht angekommen. Viele hoffen, dass der Albtraum Trump in drei Jahren vorbei ist und man dann zur alten Weltordnung zurückkehrt. Das ist ein Irrtum.
Der Bewusstseinswandel stockt?
Ja. Es hat noch nicht klick gemacht. Aber Bewusstseinsänderungen können schnell geschehen. In der politischen Theorie spricht man von «constitutional moments». In sehr kurzer Zeit kann sich eine politische Ordnung eine völlig neue Form geben. Ich glaube, ein solcher Moment wird für Europa kommen. (aargauerzeitung.ch)
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