Interview
Wie sollten die Europäer auf Trumps aggressive Politik reagieren? Brendan Simms empfiehlt ihnen, zusammenzurücken. Ausserdem erklärt der Historiker, warum die Gefahr auf dem Kontinent durch ein Ende des Ukraine-Kriegs sogar noch grösser werden könnte.
08.02.2026, 18:3308.02.2026, 18:33
Hansjörg Friedrich Müller, Berlin / ch media
«Was dir gehört, gehört mir, und was mir gehört, ist mein Eigentum»: Wladimir Putin und Donald Trump im August 2025 auf der Militärbasis Elmendorf-Richardson in AlaskaBild: keystone
Herr Simms, sind Sie von Donald Trumps bisheriger zweiter Amtszeit überrascht? In der ersten rühmte er sich, keine Kriege begonnen zu haben; nun intervenierte er in Venezuela und drohte selbst NATO-Verbündeten mit Gewalt.
Brendan Simms: Ich bin überrascht und auch wieder nicht. Trump war nie ein Isolationist. In seiner ersten Amtszeit hat er oder zumindest seine Regierung Europas Position gegenüber Russland gestärkt, im Sinne einer verstärkten Abschreckung durch die NATO. Und er hat eine harte Linie gegenüber China verfolgt. Dieses unilaterale Element hat sich nun eher noch verstärkt, verbunden mit einem dominanten Bild von der Rolle Amerikas auf der Welt. Überrascht hat mich seine Politik hinsichtlich Grönlands und Kanadas. Dass er Grönland übernehmen wolle, sagte er zwar auch schon in seiner ersten Amtszeit, aber eine grosse Rolle spielte das Thema noch nicht. Wie er nun mit Kanada umgeht, hat wohl keiner vorhergesehen.
Hätten Sie erwartet, dass die Europäer ihm so geschlossen gegenübertreten, wie sie es nach seinen Drohungen gegen Dänemark getan haben? Selbst Giorgia Meloni wird von deutschen Medien mittlerweile zu den Guten gezählt.
Die Europäer sprachen in der Tat mit einer Stimme, sowohl die Mitgliedsstaaten der EU als auch Grossbritannien und Norwegen. Was Grönland betrifft, hat Trump eine rote Linie überschritten. Der Fall Venezuela war komplizierter, denn Nicolás Maduro war ja tatsächlich eine problematische Figur und in vielerlei Hinsicht kein legitimer Herrscher. Auch in der Vergangenheit haben die USA immer wieder in Venezuela interveniert. Dass sie es nun wieder getan haben, finde ich richtig. Die Beziehungen mit Europa wurden dadurch nicht belastet. Grönland ist ein anderer Fall: Wahrscheinlich wäre der amerikanische Kongress Trump ohnehin in den Arm gefallen, doch hätten die Europäer ihm erlaubt, Grönland zu übernehmen, wäre die westliche Allianz in Gefahr gewesen. Die Europäer mussten also zusammenstehen, es blieb ihnen gar keine andere Wahl.
Kann es so etwas wie einen Westen ohne die USA geben?
Auf jeden Fall. Wir haben schon jetzt drei Westen: Die USA, die EU und den Rest des Westens, also Grossbritannien, Japan, Australien, Kanada, die Schweiz, Norwegen und selbst die Ukraine. Dieser Rest ist militärisch mindestens so stark wie die EU. Aber ich glaube ohnehin nicht, dass die USA den Westen verlassen haben, auch wenn es innerhalb Amerikas starke Tendenzen gibt, dies zu tun.
Sie haben sich schon vor Jahren für die Schaffung eines kontinentaleuropäischen Bundesstaats ausgesprochen. Kürzlich sagten Sie, Sie rechneten nicht damit, dass ein solcher kommen würde. Könnten sich die Europäer nun doch noch zusammenschliessen, mit Trump als einer Art Reichseiniger wider Willen?
Ich bleibe skeptisch. Wir hatten in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine Schuldenkrise, die Migrationskrise, die Corona-Pandemie und den russischen Angriff auf die Ukraine. Wenn all das keinen europäischen Bundesstaat gebracht hat, sehe ich auch nicht, wie die Bedrohung durch Trump ihn bringen sollte. Dabei spricht mehr denn je für eine vollständige Vereinigung der EU oder wenigstens der Eurozone. Aber ich glaube weder, dass die Notwendigkeit, dies zu tun, verstanden wird, noch dass die Kraft vorhanden wäre, die dafür nötig wäre. Stattdessen dürften wir weiterhin sehr viel grosse Worte hören – und ein wenig Fortschritt sehen, doch sehr viel weniger, als notwendig wäre.
Die europäische Einigung war immer auch ein Versuch, ein Deutschland einzuhegen, das im Verhältnis zu seinen Nachbarn eigentlich zu gross ist. Nun hat Kanzler Merz angekündigt, Europas grösste Armee aufbauen zu wollen. Könnten in Warschau, Paris oder Den Haag schon bald wieder alte Ängste aufkommen?
Das glaube ich nicht. Diese Ängste dürften heute wesentlich weniger ausgeprägt sein als nach der deutschen Wiedervereinigung 1990. Ich stimme dem polnischen Aussenminister Radek Sikorksi zu, der schon vor fünfzehn Jahren gesagt hat, was wir fürchten müssten, sei nicht deutscher Aktionismus, sondern im Gegenteil deutsche Untätigkeit. Was Merz nun tut, ist absolut richtig. Wer kein militärisch starkes Deutschland will, wird ein militärisch starkes Europa schaffen müssen. Wer Angst vor den Deutschen hat, muss den europäischen Bundesstaat anstreben. Heute haben wir weder das eine noch das andere, aber das können sich die Europäer nur leisten, weil die Amerikaner und übrigens auch die Briten sie schützen.
Welche Rolle kommt einem Land wie der Schweiz in Europa zu? Ist es heute noch haltbar, neutral zu sein?
Ich bin kein Freund der Neutralität, egal ob in der Schweiz, der Republik Irland, Malta oder Österreich. Die beiden wichtigsten neutralen Staaten, Schweden und Finnland, sind auch zu diesem Schluss gekommen, was ziemlich bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass sie den ganzen Kalten Krieg über neutral waren. Ein Unterschied zwischen der Schweiz und anderen neutralen Staaten ist, dass die Schweiz lange Zeit sehr viel in ihre Verteidigung investiert hat. Ich respektiere eine Neutralität, die sich selbst verteidigen kann. Daher sehe ich die Schweizer Neutralität etwas positiver als diejenige anderer Staaten. Die Republik Irland ist bei der Verteidigung komplett von anderen abhängig. Im Fall der Schweiz bedaure ich die Neutralität, weil das Land sehr viel zur Sicherheit des Westens beitragen könnte.
«Es ist heikel, der Ukraine aus der Sicherheit eines Colleges in Cambridge heraus Ratschläge erteilen zu wollen»: Historiker Simms im Innenhof des Peterhouse-College.Bild: ustin Griffiths-Williams/Shutterstock/Dukas
Sie haben sich mit Carl Schmitt beschäftigt, der als «Kronjurist des Dritten Reiches» gilt. Manche meinen, Trumps Politik sei von Schmitts Grossraumtheorie beeinflusst, die besagt, Grossmächte sollten ihre jeweilige Einflusssphäre kontrollieren und sich aus denen anderer Grossmächte heraushalten. Sehen Sie bei Trump solche Ansätze?
Nein. Nach Grönland und Venezuela, aber auch schon davor, wurde ja diskutiert, ob Trump sich auf Schmitt bezieht. Oberflächlich betrachtet mag das eine gewisse Plausibilität haben, denn wenn man annimmt, dass Trump mit Moskau und auf eine Weise auch mit Peking zusammenarbeitet, mag man eine Art Teilung der Welt in Einflusssphären oder Grossräume, wie Schmitt sie nennt, sehen. In Peking und Moskau gibt es ja Leute, die sich entsprechend äussern …
… zum Beispiel der Philosoph Alexander Dugin, dem Einfluss auf Putin nachgesagt wird. Er träumt von einem russisch dominierten Eurasien.
Was Trump angeht, glaube ich allerdings erstens, dass er nicht liest. Zweitens sehe ich aber auch keine Anzeichen dafür, dass er bereit wäre, eine solche Teilung der Welt zu akzeptieren. Die USA ziehen sich weder aus dem Nahen Osten noch aus Ostasien zurück, und was Europa betrifft, wollen sie das Feld auch nicht den Russen überlassen. Sie fordern lediglich, die Europäer sollten einen grösseren Teil der Bürde schultern. Tatsächlich sagt Trump dem Rest der Welt: «Was dir gehört, gehört mir, und was mir gehört, ist mein Eigentum.» Paradoxerweise finde ich das besser als das Gegenteil, denn wenn die Amerikaner an Europa interessiert sind, ist das immer besser, als wenn sie es nicht sind, selbst wenn uns ihr Interesse eher unangenehm sein mag.
Mit der heutigen amerikanischen Politik wäre Schmitt also nicht einverstanden. Mit der Monroe-Doktrin des frühen 19. Jahrhunderts, die besagte, dass sich die Europäer aus Amerika und die USA aus Europa heraushalten sollten, konnte er dagegen leben.
Schmitt akzeptierte die Monroe-Doktrin. Aber mit der Zeit entwickelte sich diese dahingehend weiter, dass sich die anderen zwar in Amerika heraushalten sollten, während die USA im Rest der Welt immer stärker involviert waren. Schmitt sah das in den Dreissiger- und Vierzigerjahren, und er bedauerte diese Tendenz, die mit dem Ersten Weltkrieg immer stärker wurde. Seine Kritik an den Briten war eine andere: Sie waren für ihn nicht nur Heuchler, sondern auch Universalisten. Sie waren im Grunde alles, was er verabscheute und fürchtete. Seine Kritik an ihnen ähnelt übrigens manchen Äusserungen, die heute aus dem Kreml kommen. Dort gilt Grossbritannien als Hauptfeind, als Spinne in einem Netz, das die Russische Föderation zu ersticken droht.
Sie sprachen den Universalismus an, also die Vorstellung, bestimmte Werte und Normen seien unabhängig von Herkunft, Rasse oder Religion allgemeingültig. In dessen Ablehnung dürften sich Trump und Schmitt treffen: Der amerikanische Präsident will niemandem Menschenrechte und Demokratie bringen.
Das stimmt zwar in dem Sinne, dass Trump sicher kein Universalist ist, der westliche Werte verbreiten will. Aber er ist doch eine Art politischer und kultureller Interventionist in Europa, denken Sie nur an seine Kritik an der Migrationspolitik der Europäer. Auch daran zeigt sich, dass Europa für ihn zählt.
Besteht das Neue an Trumps Aussenpolitik vielleicht auch darin, dass er sich zwar an vielen Orten auf der Welt einmischt, aber anders als seine Vorgänger keine längerfristige Verantwortung mehr übernehmen will? Er präsentiert einen Plan und springt dann zum nächsten Schauplatz weiter.
Ja, das trifft wohl zu. Manche sagen ja, was er anstrebe, sei weniger territoriale Kontrolle als vielmehr Kontrolle durch Zwangsmassnahmen. Das sieht man besonders in Venezuela, wo er mit Maduro eine Person von der Macht entfernte, aber das Regime an der Macht beliess, um ihm eine Reihe von Handlungsanweisungen zu erteilen. Gaza ist etwas Anderes, aber auch hier übt er die Kontrolle indirekt durch ein Gremium aus. Der Fussabdruck, den die Amerikaner auf der Welt hinterlassen, ist unter Trump also sehr viel kleiner als früher.
Wie sehen Sie seine Ukraine-Politik? Viele meinen ja, Trump verrate das Land. Andererseits ist ein Friedensschluss, bei dem Kiew auf Gebiete verzichten muss, wahrscheinlich unvermeidlich.
Es ist heikel, der Ukraine aus der Sicherheit eines Colleges in Cambridge heraus Ratschläge erteilen zu wollen. Entscheidend ist, dass ein mögliches Abkommen das Potenzial hat, von Dauer zu sein. Die Ukraine wird sicher de facto Gebietsverluste akzeptieren müssen, etwa die Krim und Teile des Donbass. Rechtliche Ansprüche bleiben davon unberührt, und hoffentlich wird es möglich sein, diese Gebiete später einmal zurückzugewinnen. Etwas Anderes ist es, von der Ukraine die Aufgabe von Territorium zu verlangen, das die Russen noch gar nicht kontrollieren.
Trump scheint damit kein Problem zu haben.
Man sollte seinen Einfluss auf Kiew vielleicht aber auch nicht überschätzen, zumal er den Ukrainern keine Waffen mehr kostenlos zur Verfügung stellt. Er könnte zwar noch die Zusammenarbeit der Nachrichtendienste beenden, aber die amerikanischen Dienste profitieren enorm von Informationen, die sie aus der Ukraine erhalten. Auch die Beziehung zwischen amerikanischen Technologiefirmen und den Ukrainern ist sehr eng. Ich glaube nicht, dass Trump daran etwas ändern will. Ich rechne damit, dass der Krieg dieses Jahr endet, aber sicher weiss das natürlich niemand.
Wie sollte der Westen nach dem Krieg mit Russland umgehen? Es bleibt ja da, und Putin wahrscheinlich auch erst einmal.
Das Paradoxe ist, dass die Bedrohung im Norden und Osten Europas erst einmal grösser sein wird, wenn die Waffen in der Ukraine schweigen. Putin wird seine Streitkräfte dann dort konzentrieren können. Wenn es eine europäische Friedenstruppe in der Ukraine geben sollte, wird diese dort gebunden sein, womit Soldaten zur Verteidigung Skandinaviens und des Baltikums fehlen würden. Die Europäer könnten also gezwungen sein, bald schon ein Vielfaches dessen für ihre Verteidigung ausgeben zu müssen, was sie derzeit investieren.
Wie sehen Sie Trumps Innenpolitik? Manche nennen ihn einen Faschisten, zumal nach dem brutalen Vorgehen der Einwanderungspolizei ICE in Minneapolis. Ein zutreffender Begriff?
«Faschismus» ist ein Begriff, der allzu oft verwendet wird. Trump würde ich eher als einen Narzissten sehen. Er legt sehr viel Wert darauf, wie er auf das Publikum wirkt. Manches, was ICE tut, ist die Durchsetzung bestehender Bundesgesetze. Grundlos Leute zu erschiessen, wie es in Minneapolis geschah, ist natürlich kriminell. Aber das heisst noch nicht, dass Trumps Politik faschistisch ist.
Ist er eine Gefahr für die amerikanische Demokratie?
Ich glaube schon, dass Trump die Demokratie gefährdet, aber er tat dies nach der Wahl 2020 in sehr viel stärkerem Masse als heute. Damals weigerte er sich, seine Niederlage anzuerkennen. Das war eine grosse Herausforderung für die Demokratie. Dass er sie beschädigt hat, daran besteht kein Zweifel. (aargauerzeitung.ch)