Blick in die Hölle: Aufnahme aus dem Helikopter wenige Tage nach der Tschernobyl-Katastrophe.Bild: AP
Vor 40 Jahren explodiert der Reaktor in Block 4. Mittendrin: Oleksii Breus. Es folgt ein Leben auf der Flucht, das die beiden grössten ukrainischen Traumata verbindet – und bis an den Zugersee führt.
24.04.2026, 10:4724.04.2026, 10:47
Tschernobyl, 26. April 1986, 7 Uhr
Oleksii Breus steht regungslos da und blickt auf das Undenkbare: den offenen Reaktor von Block 4. Was normalerweise von einer meterdicken Betonmauer umhüllt ist, liegt unter freiem Himmel. Rauch steigt empor. Breus ist eben mit dem Arbeiterbus aus Prypjat angekommen, um seine Schicht im Atomkraftwerk Tschernobyl zu beginnen.
Doch nun fragt er sich: Was soll ich hier?
Am Eingang zum Gelände verteilt ein Wachmann im Gummischutzanzug Kaliumiodid-Tabletten, überall liegen verbrannte Graphittrümmer. Was Breus da bereits zu ahnen beginnt, aber weder die anwesenden Operatoren noch die Funktionäre in Moskau wahrhaben wollen: Block 4 ist unwiederbringlich zerstört. Er ist um 1.23 Uhr nachts infolge eines gescheiterten Tests explodiert. Das herumliegende Graphit stammt aus dem Herzen des Reaktors – mit Strahlungswerten millionenfach über der zulässigen Norm.
Breus blickt auf die Uhr, es ist bereits nach sieben, wie er später erzählen wird. Er müsste längst am Kontrollpult sein. Er läuft an den Trümmern auf dem Boden vorbei und tritt ins Innere der Reaktorruine.
Kiew, 27. Februar 2022
Breus steigt die Treppe hinab, um in den Keller des Gebäudes zu gelangen. Von aussen dringt dumpf das Geheul von Sirenen. Als er unten ankommt, haben sich im kleinen Raum bereits Dutzende Menschen zusammengekauert. Einige flüstern über eine Explosion, die in der Nähe zu hören war. Es liegen Matten und Decken bereit, falls sie die Nacht hier unten verbringen müssen. Es wäre nicht das erste Mal.
Seit wenigen Tagen gehört der Bombenalarm zum Alltag der Ukrainerinnen und Ukrainer. In der Hauptstadt Kiew heulen fast täglich die Sirenen. Für Breus heisst es dann jeweils: den nächsten Schutzbunker aufsuchen, in seinem Fall den Keller einer Schule im Quartier. Während er dort zusammen mit bis zu 300 Personen aus der Nachbarschaft ausharrt, besetzen russische Soldaten keine zwei Autostunden entfernt seine alte Arbeitsstätte. Erst nach fünf Wochen werden sie die AKW-Ruine in Tschernobyl wieder verlassen.
Dass Breus dort einst für Moskau im Unfallreaktor eine noch schlimmere Katastrophe zu verhindern versuchte, kümmert heute im Kreml niemanden mehr. Aus dem Helden von damals ist inzwischen ein Feind geworden. Und ein Flüchtling.
Zug, 15. April 2026
Breus lebt heute in der Schweiz. An diesem trüben Frühlingstag erscheint der 67-Jährige zu einem mehrstündigen Gespräch in der Bibliothek Zug. Dort liegt unter anderem ein Buch über Tschernobyl, bei der er als einer der letzten noch lebenden Operatoren während der Reaktorkatastrophe im Einsatz stand. Über die Jahre wurde Breus immer wieder über seine Erfahrungen als unmittelbarer Tschernobyl-Zeuge befragt. Noch immer kann er sich minutiös an die damaligen Vorgänge erinnern.
Oleksii Breus lebt in der Schweiz in einer Flüchtlingsunterkunft am Zugersee.Bild: CH Media
Wer dem Mann mit dem scheuen Lächeln und schütteren Haar gegenübersitzt, ahnt zunächst nichts von seiner aussergewöhnlichen Biografie, welche die beiden grössten Traumata in der Geschichte der Ukraine verbindet: die Nuklearkatastrophe von 1986 und den gegenwärtigen russischen Angriffskrieg.
«Im Grunde musste ich in meinem Leben zweimal evakuiert werden, einmal aus Prypjat und einmal aus Kiew», sagt Breus. Das erste Mal floh er vor der Radioaktivität, das zweite Mal vor der russischen Armee. Angst habe er dabei nur beim zweiten Mal gehabt. «So schrecklich die radioaktive Strahlung ist, folgt sie doch physikalischen Gesetzen. Befolgt man diese, kann man das Risiko für sein Leben minimieren. Die russische Armee folgt dagegen keinen Gesetzen, sie ist unberechenbar».
Tschernobyl, 26. April 1986, 7.20 Uhr
Im Kontrollraum angekommen, begrüsst Breus Schichtleiter Alexandr Akimow und gibt Reaktoroperator Leonid Toptunow die Hand. Sie sind die beiden letzten noch Anwesenden aus der Nachtschicht, in der sich die Reaktorexplosion in Block 4 ereignet hat. Beide sterben im Monat darauf in einem Moskauer Spital an den Folgen der Strahlenkrankheit. An Breus’ rechter Hand werden später erhöhte Strahlenwerte gemessen.
Oleksii Breus im Kontrollraum des Blocks 4: Die Aufnahme von 1984 aus einer sowjetischen Zeitung ist die einzige aus der Zeit vor dem Super-GAU.Bild: zvg
Die Instrumente am Kontrollpult lassen das Schlimmste vermuten. Der Befehl an Breus als leitender Blocksteuerungsingenieur lautet, um jeden Preis Kühlwasser in den Reaktor zu pumpen. Darauf erwidert er mit einem alten ukrainischen Sprichwort: Es bringe nichts, «einem Toten Umschläge anzulegen». Den Reaktor gebe es nicht mehr.
Doch der ranghöchste Operator Wiktor Smagin hält daran fest. Noch zwei weitere Stunden versuchen Breus und Smagin, die letzte noch funktionierende Wasserpumpe zum Laufen zu bringen. Immer wieder wird den beiden übel. Erst als der Reaktor noch stärker zu rauchen beginnt, gibt Smagin schliesslich den Befehl, den vierten Block zu verlassen.
Kiew, Dezember 1986
«Informationen über die wahren Ursachen des Unfalls in Reaktorblock 4 – geheim.» Breus bleibt am ersten Punkt des dreiseitigen Dokuments hängen, das ihm sein Vorgesetzter aushändigt. Er ist gesundheitlich angeschlagen, hat mehrere Spitalaufenthalte hinter sich. Doch nur ein halbes Jahr nach der Reaktorkatastrophe steht er bereits wieder für die Atomenergie im Einsatz. In Kiew, wohin er evakuiert wurde, bildet er angehende Operatoren aus. Die nächste AKW-Generation der Sowjetunion.
Ausriss aus dem KGB-Dokument: «Verzeichnis der Geheiminformationen im Zusammenhang mit dem Unfall in Reaktorblock 4 des AKW Tschernobyl».Bild: zvg
Das Dokument stammt vom Komitet gossudarstwennoi besopasnosti, besser bekannt als KGB. Der sowjetische Geheimdienst sorgt in jener Zeit dafür, dass die Informationshoheit in Moskau bleibt. Kommuniziert wird nur spärlich, die offizielle Linie lautet: Menschliches Versagen habe zur Havarie geführt. Die gravierenden Konstruktionsfehler am Reaktor, die das Unglück in Tschernobyl überhaupt erst ermöglicht hatten, werden vertuscht. Die Atomenergie ist ein boomendes Geschäft. Die Sowjetunion will ihre Reaktoren in andere Länder exportieren.
Obwohl Breus die Katastrophe von Tschernobyl hautnah miterlebt, hinterfragt er die Atomenergie nicht. Noch nicht. Im Alter von 27 Jahren stellt er sich erneut in den Dienst des sowjetischen Atomprogramms. «Wie viele in der Branche glaubte ich an die neue Technologie. Ich dachte: Wir haben nun den Abgrund gesehen, aber wir können daraus lernen und die Fehler ausmerzen, damit es nie wieder passiert.»
Er unterschreibt das KGB-Papier. Ein üblicher Vorgang, wie er sich erinnert. Als Operator habe er regelmässig mit vertraulichen Informationen und Betriebsgeheimnissen zu tun gehabt. Schweigen gehörte zum Geschäft.
Tschernobyl, 26. April 1986, 12.15 Uhr
Stumm versammelt sich die Mannschaft in Block 3. Breus’ Vorgesetzter Smagin kann sich kaum noch auf den Beinen halten, das Sprechen fällt ihm schwer. Er übergibt das Betriebstagebuch und die Verantwortung an Breus und geht zur Sanitätsstation. Sein ganzes Leben lang sollte Smagin an den Folgen der Strahlenkrankheit leiden. Nach einer zweiten Krebsdiagnose im Jahr 2023 nimmt er sich in Moskau das Leben.
Auch Breus’ Schicht hätte zu diesem Zeitpunkt enden sollen. Doch plötzlich findet er sich, wie er es rückblickend nennt, im «Epizentrum des sowjetischen Surrealismus» wieder: Die Funktionäre im tausend Kilometer entfernten Moskau wollen nicht glauben, dass der Reaktor zerstört ist. Sie befehlen, diesen weiter mit Wasser zu kühlen. «So war ich gezwungen, zurückzukehren.»
Unfreiwillig wird Breus so zum letzten Mann im Kontrollraum des Havarieblocks 4. Alle 30 Minuten schreitet er vom dritten in den vierten Block, um dort vom Pult aus den Pumpvorgang zu überwachen. «Wie nie zuvor herrschte dort eine gespenstische Stille. Zum ersten Mal an diesem Tag war ich allein. Kein Summen von Maschinen, nur das Knirschen meiner Plastikgaloschen.»
Als kurz vor 16 Uhr auch die letzte Wasserpumpe ausfällt, gibt es keine Möglichkeit mehr, den Reaktor zu kühlen. Noch einmal versucht Breus, die Pumpe anzuwerfen. Vergeblich. «So kam mir die zweifelhafte Ehre zu, den letzten Knopf am Kontrollpult zu drücken.»
Danach bleibt ihm nur noch die Flucht.
Kiew, 24. März 2022
Dieses Mal gehört Breus zu den Ersten, die fliehen. Wenige Wochen, nachdem russische Soldaten die ukrainische Grenze überschreiten, packt Breus seine Sachen und setzt sich in einen Zug nach Polen. Im Waggon wird geflüstert, es ist dunkel. Die Lichter sind ausgeschaltet, um möglichst unbemerkt durch die Nacht zu kommen.
Später erfahren Breus und seine Mitpassagiere, dass ein anderer Zug wenige Kilometer vor ihnen unter russischen Beschuss geraten ist. Sie haben mehr Glück und schaffen es unversehrt nach Chelm, bevor Breus von dort aus nach Stuttgart und schliesslich in die Schweiz weiterreist.
Den Entscheid zur Flucht aus der Ukraine trifft Breus knapp einen Monat nach Kriegsbeginn. Bekannte aus der Ukraine, die seit über zehn Jahren in Zug leben, hätten angeboten, ihn und seine Frau bei sich aufzunehmen, sagt er. «Hauptsächlich wollte ich den Leuten in meinem Quartier nicht zur Last fallen. Es gab so viel zu tun.»
Damals erholt sich Breus gerade von einer Hüftgelenksoperation und geht an Krücken. Womöglich handelt es sich um eine Spätfolge seines Einsatzes im Unfallreaktor. Bei den sogenannten Tschernobyl-Liquidatoren – AKW-Mitarbeitern, Soldaten, Feuerwehrleuten und anderen Helfern – traten in den Folgejahren laut Studien gehäuft Krebserkrankungen, Herz-Kreislauf-Leiden und andere gesundheitliche Schäden auf.
Tausende Helfer standen in Tschernobyl im Einsatz.Bild: EPA LEHTIKUVA
Schweiz, April 2026
Heute spricht sich der ausgebildete Reaktorkonstrukteur Breus gegen Kernenergie aus. Sein Sinneswandel vollzog sich in den Jahren nach Tschernobyl, als immer mehr Informationen zum Ursprung der Katastrophe durchsickerten. Und verfestigte sich während seiner Arbeit als Journalist, die er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufnahm. Dabei kamen ihm auch Dokumente über die Vertuschungsaktion der Regierung in die Hände.
Obwohl sich Breus keinem politischen Lager zugehörig fühlt, sagt er heute Sätze, die aus dem Mund eines Grünen-Politikers stammen könnten: «Egal wie sicher das System konzipiert ist, menschliche Fehler sind immer möglich, besonders während der Konstruktionsphase.» Das Reaktorunglück von 2011 im japanischen Fukushima habe seine Bedenken bestätigt. Und seit dem Krieg gebe es für ihn erst recht keinen Zweifel mehr.
Erst diese Woche haben sich die russischen Truppen aus dem Gebiet nahe des Atomkraftwerks Saporischschja zurückgezogen. Zigfach wurde die Anlage beschossen, es kam zu Stromausfällen. «Die Menschheit hat nicht die Reife, um mit der Kernenergie umzugehen», sagt Breus.
Das Atomkraftwerk von Saporischschja.Bild: Keystone
Seine Kritik richtet sich nicht nur gegen Russland, sondern gegen die Technologie an sich – weltweit, auch in der Schweiz. Hier arbeitet die Politik daran, den nach Fukushima beschlossenen Ausstieg aus der Atomkraft rückgängig zu machen. Der Ständerat sprach sich Anfang Jahr im Rahmen eines Gegenvorschlags zur Blackout-Initiative dafür aus, das Neubauverbot aufzuheben. Die Nationalratskommission schloss sich diese Woche an. Der Ausbau der erneuerbaren Energien schreitet nicht schnell genug voran.
Derzeit liefern hierzulande noch vier Atomreaktoren Strom. Jenen in Gösgen hat Breus vor rund drei Jahren besucht.
Kiew, April 1988
Beim Betreten wirkt die Wohnung wie jede andere zu Sowjetzeiten. Wenig Raum, viele Möbel. Und eine Blumentapete, die ins Auge sticht. Das Tückische: Die Radioaktivität in den Mauern sieht man nicht. Ein letztes Mal klappert Breus daher die Räume mit dem Geigenzähler ab, misst die Strahlung und kommt zum Schluss: Jetzt ist es sicher genug.
Zwei Jahre lang hat er auf diesen Moment hingearbeitet, ist jeden Zentimeter mit dem Spachtel und Staubsauger durchgegangen, um die Wohnung zu dekontaminieren.
Die Bleibe, die er nach der Evakuierung erhielt, erwies sich als verseucht. Zwar liegt Kiew 100 Kilometer entfernt von der Sperrzone, doch eine radioaktive Wolke war nach der Katastrophe auf ihrem Weg nach Westeuropa über die Stadt gezogen. «Offenbar hat es während des Baus einmal in die Wohnung geregnet und es wurde nicht korrekt gereinigt», sagt Breus. Forscher sprechen von Fallout, radioaktivem Niederschlag.
Seine Frau und seine zweijährige Tochter, die kurz nach Tschernobyl zur Welt kam, wollte Breus keiner Gefahr aussetzen. Sie mussten in der Zwischenzeit in Leningrad (heute St. Petersburg) ausharren. Erst nach zwei Jahren kommt es zur Wiedervereinigung.
Der Untergang der Titanic von Tschernobyl: Mit Kunst verarbeitet Breus die Reaktorkatastrophe.Bild: Oleksii Breus
Risch ZG, April 2026
40 Jahre später ist es Breus, der ausharrt. Aus dem Fenster blickt er auf den Zugersee und das satte Grün der davor liegenden Wiese. Das einstige Hotel «Waldheim» in Risch ZG, früher ein Ziel für Touristen aus aller Welt, beherbergt Geflüchtete aus der Ukraine. Breus teilt sich hier mit mehr als hundert Menschen Küche und Aufenthaltsräume. Er wohnt zusammen mit seiner zweiten Frau, mit der er in die Schweiz geflüchtet ist. Seine Tochter aus erster Ehe lebt dagegen 1700 Kilometer weiter östlich: in Kiew.
Zwar war sie im Sommer 2022 ebenfalls in die Schweiz geflohen und fand im Kanton Zug Unterschlupf. Doch sie fühlte sich nicht wohl, gab ihren Schutzstatus wieder auf und kehrte in die Ukraine zurück. Der Krieg in der Heimat hat Vater und Tochter erneut entzweit.
In der Schweiz lebt Breus von Sozialhilfe und seiner Tschernobyl-Rente. Mehrere tausend Familien von Liquidatoren erhalten vom ukrainischen Staat eine solche Entschädigung. Die genauen Beträge variieren. Breus bekommt als ehemaliger Reaktoroperator 600 Euro. Diese Tschernobyl-Rente wird hierzulande standardmässig als Einkommen angerechnet, weshalb er vom Kanton Zug entsprechend weniger Sozialhilfegeld erhält.
In einer Pfarrei besucht er einen Deutschkurs. Im Alltag kann er sich inzwischen verständigen und findet sich zurecht. Dennoch will er zurück, sobald der Krieg vorbei ist und sich das Leben verbessert hat. «Die Ukraine ist mein Zuhause.»
Es wäre eine weitere Wende in Breus’ bewegter Biografie, in der sich die vertrackte Geschichte zwischen Russland und der Ukraine spiegelt. Die Folgen des sowjetischen Kollapses, für den Tschernobyl ein Fanal war, ziehen sich wie eine radioaktive Wolke durch sein Leben. (aargauerzeitung.ch)